Nachdem in weiter Ausführung die Entwicklung der TUI AG in den letzten Jahren betrachtet wurde, und dabei speziell auf Fehler des Managements eingegangen wurde, stellt sich die Frage, wie das Unternehmen heute „dasteht“.


Dazu bieten sich dem interessierten Betrachter gleich vielfältige Möglichkeiten.

Bei der Lektüre des Geschäftsberichtes, der ja eines der Realität entsprechendes Bild der Lage vermitteln soll, in dem sich ein Unternehmen befindet, kann man sich einen ersten Überblick verschaffen, mit welcher Art von Unternehmen man es zu tun hat.


Es gibt da die Sorte Unternehmen, die relativ konservativ agieren – getreu des Bildes eines vorsichtigen Kaufmanns. Von diesen Unternehmen hört man nur sehr verhaltene Prognosen. Auch wenn diese Art ein Unternehmen so zu führen seine Nachteile haben mag – typischerweise sind die Posten in der Bilanz relativ werthaltig.


Davon grundverschieden ist eine andere Art von Unternehmen. Deren Jahresabschlüsse strotzen nur so von Wörtern und Ausdrücken, die eine rosige Zukunft verheißen.

Besonders kritisch sollte man dann vor allem sein, wenn das „Gestern“ nicht zu dem „Heute“ passt. Sprich, wenn sich die Prognosen, die in der Vergangenheit gemacht wurden, nicht erfüllt haben.

Eine „typische Bilanz“ für solche Unternehmen gibt es natürlich nicht.

Was sich aber mit Sicherheit beobachten lässt ist eine gewisse Tendenz zu Posten wie Firmenwerten (auch Goodwill genannt) und immateriellen Vermögensgegenständen.

Zurecht werden diese Posten als die ewigen Sorgenkinder der Bilanzierung bezeichnet.

Der Grund hierfür lässt sich leicht ableiten: Für immaterielle Vermögensgegenstände wie den Wert einer Marke wie „TUI“ oder „BMW“ lässt sich kaum eine vernünftige Werteinschätzung geben. Selbst erstellte Software kann außerhalb des Unternehmens unbrauchbar sein – und ist es in der Regel auch.


Nun gibt es im Jahresabschluss 2005 unseres Unternehmens einige Anhaltspunkte, die in mir die Überzeugung reifen ließen, dass es sich bei der TUI AG um ein Unternehmen des zweiten Schlages handelt.


Als erstes Beispiel würde ich hier gerne die Berechnung des Gewinns pro Aktie anführen.

Dieses Beispiel wird von mir mit dem Wissen angeführt, dass es am leichtesten jeden verständlich erscheint, und meines Erachtens nur die Spitze des Eisberges darstellt.


Auf Seite 138 im Geschäftsbericht 2005 findet man einen ersten klaren Hinweis in der Konzern-Gewinn- und Verlustrechnung.


Als Ergebnis ist im Jahr 2004 ein Ergebnis pro Aktie von 2,96 Euro ausgewiesen.

Als Berechnungsgrundlage diente hier das Konzernergebnis von 572 Millionen Euro abzüglich des Anteils, den Minderheitsgesellschafter am Ergebnis der TUI AG halten.

Also unterm Strich ein Betrag von 528,2 Millionen Euro, die sich auf 178,7 Millionen Aktien verteilen.


Nun fand im Jahre 2005 für den Kauf von CP Ships im Oktober eine Kapitalerhöhung statt. Die Anzahl der Aktien erhöhte sich auf 250,7 Millionen Aktien zum Bilanzstichtag.

Statt nun die Aktien zum Stichtag zur Berechnung heranzuziehen, wird eine durchschnittliche, gewichtete Anzahl der Aktien fingiert mit der die Berechnung des Ergebnisses pro Aktie erfolgt.



Folglich verteilen sich auf durchschnittlich 200 Millionen Aktien ein Konzernergebnis nach Minderheiten von 456,7 Millionen Euro. Dies ergibt ein Ergebnis von 2,28 pro Aktie welches auch in der Übersicht ausgewiesen wird.


Natürlich könnte man an dieser Stelle anführen, dass diese Gewichtung Sinn mache, da es sich bei dem Gewinn um eine zeitraumbezogene Größe handle. Aber ich stelle hier die Frage: was nützt es uns Investoren?

Welchen Erkenntnisgewinn zieht man aus der Tatsache, dass durchschnittlich 200 Millionen Aktien im Umlauf waren? Doch eher keinen!

Was zählt sind die Aktien zum Bilanzstichtag, denn diese dienen auch als Berechnungsgrundlage im nächsten Jahr.


Bezieht man die mögliche Verwässerung durch die Wandelanleihe noch in Betracht, so müsste man gar mit rund 270 Millionen Aktien rechnen.

Damit ergibt sich ein Ergebnis pro Aktie von 1,69 Euro!


1,69 Euro und 2,28 Euro sind doch wohl sehr unterschiedliche Zahlen.

Die Tatsache, das der Gewinneinbruch gegenüber 2004 bei 1,69 Euro pro Aktie satte 43% beträgt, trägt dieser Tatsache Rechnung.


Der Skandal dabei dürfte sein, dass man nach der wirklichen Zahl der Aktien erst aufwändig suchen muss, während das offensichtlich „schönere“ Ergebnis im Geschäftsbericht 2005 schon auf Seite 4 „entgegen strahlt“.


Sicherlich lässt sich über diese Tatsache streiten.

Eine andere Tatsache hingegen lässt sich kaum leugnen, da sie schlicht ein Faktum ist.