In der Bilanz unseres Unternehmens befindet sich ein unglaublich großer Posten Firmenwerte, auch „Goodwill“ genannt.


Wie ich in dem Artikel über CP Ships schon erwähnt hatte: Goodwill ist nichts gutes.

Im Gegenteil. Er ist Gegenstand sehr großer Kontroversen in der Fachwelt.

Bis vor einigen Jahren war es nach den Vorschriften des IASB geboten, den Goodwill planmäßig abzuschreiben.


Dies hatte den Effekt, dass das Konzernergebnis durch massive Goodwill-Abschreibungen getrübt wurde.

Beispielsweise wurde im Jahr 2001 ein Konzerngewinn von 411 Millionen Euro angegeben (die Pressemeldung finden Sie hier). Dabei wurde 278 Millionen Euro an Goodwill abgeschrieben.

Hätte man den Goodwill also 2001 noch nicht abschreiben müssen, so wäre das Konzernergebnis bei 689 Millionen Euro gelegen.

Pro Aktie also ein Gewinn von 3,91 Euro statt den ausgewiesenen 2,33 Euro vor Minderheiten !


Was aber ist nun seit 2004 erlaubt? Eben dieser Verzicht auf Goodwill-Abschreibungen.

Das kommt natürlich einem Unternehmen wie TUI sehr gelegen.

Was bedeutet das im Umkehrschluss?


Erstens, dass die Positionen an Goodwill in der Bilanz offenbar so groß sind, dass es ein Problem darstellen könnte (dazu später mehr).


Zweitens, dass die schöne Erholung der Gewinne, die man 2004 sah, offenbar nur eine reine - wenn auch für TUI sehr gelegene - Angelegenheit der Rechnungslegung war.


Die Frage die sich stellt: Wie entsteht überhaupt Goodwill?


Goodwill entsteht, wenn ein Unternehmen ein anderes aufkauft und mehr als den Buchwert (des Eigenkapitals) bezahlt.

Beispiel:

Die TUI AG kauft die Hotel KG für 50 Millionen Euro in bar.
Die Hotel KG hat ein bilanzielles Eigenkapital von 10 Mio Euro.

TUI wird nun die Assets von der Hotel KG neu bewerten, dabei steigt das Eigenkapital auf 15 Millionen Euro (da nun in der Regel so gut wie alles als Vermögensgegenstand angesetzt werden kann).

Die Differenz von 35 Millionen (50 Minus 15) setzt die TUI AG nun in Ihrer Bilanz als sog. (derivaten) Goodwill an.

Im Grunde handelt es sich hierbei um die "Synergieeffekte" zwischen den Vermögensgegenständen der Hotel KG, die bei TUI aktiviert werden.


Problematisch wird dieser Goodwill nur, wenn das Geschäft der TUI AG/der Tochterunternehmen schlecht läuft.


Dieser Goodwill musste, wie gesagt, in den vergangenen Jahren planmäßig abgeschrieben werden, was bei Firmen die hohe Goodwillposten in der Bilanz hatten massiv aufs Ergebnis durchschlug.

Nach den neuen Richtlinien muss das seit Anfang 2004 sowohl nach IFRS als auch nach US-GAAP nicht mehr gemacht werden.

Es gilt ein sog. impairment only approach
Das heißt:
Der Goodwill ist in regelmäßigen Abständen nur auf seine Werthaltigkeit zu prüfen. Planmäßige Abschreibungen fallen nicht mehr an!

Funktioniert so:

Bei der Hotel KG (nun ein Tochterunternehmen von TUI) läuft es gar nicht mehr rund. Der Umsatz sinkt um 30% und die Zahlen sind tiefrot.
In aller Regel muss nun TUI aktiv werden und ein sog. impairment durchführen. Dieses "Werthaltigkeitstestverfahren" ist relativ komplex und für den Laien zunächst recht undurchsichtig (bei Bedarf schreib ich darüber gern mehr), aber am Ende dieses Verfahrens steht meist eine gesalzene, ergebniswirksame Abwertung des Goodwills.



Da auf der Passivseite nur das Eigenkapital als "Restgröße" steht sinkt eben dieses um den Betrag, mit dem der Goodwill wert berichtigt wurde..

Beispiel hier:

Das Impairment hat ergeben, dass 50% vom Goodwill abgeschrieben werden muss.
TUI muss nun 17,5 Millionen (35 mal 0,5) ergebniswirksam abschreiben. Der Jahresüberschuss von TUI verringert sich um eben diesen Betrag. Und in aller Regel sind die Aktionäre geschockt.


Sehen Sie sich hier bitte die aktuelle Bilanz unseres Unternehmens an:


Gegenwärtig sehen Sie einen Posten von 3,756 Milliarden Euro an Goodwill und 898 Millionen Euro sonstigen immateriellen Vermögensgegenstände, die aus dem Kauf von CP Ships resultieren.

Setzen wir diese Größen kumuliert als ca. 4,6 Milliarden Euro „reinen“ Goodwill an, so sehen wir besorgniserregendes:


Der Posten Goodwill übersteigt das ausgewiesene Eigenkapital von 4,375 Milliarden Euro.

Heißt im Prinzip, sollte der gesamte Goodwill abgeschrieben werden müssen, so droht unserem Unternehmen nach deutschem Recht eine Insolvenz, da das Eigenkapital unter Null sinkt.


Dass es so dramatisch werden muss, sei nicht unbedingt geboten.

Was viel eher der Fall sein kann ist eine Serie großer Abschreibungen.

Tritt das von mir skizzierte Szenario in der Containerschifffahrt ein, so könnte man schon 2007 mit Abschreibungen in der Größenordnung von einigen hundert Millionen Euro rechnen.


Genau kalkulieren kann man dies dabei natürlich niemals, deswegen an dieser Stelle nur eine grobe Schätzung.

Was aber zählt ist, dass viel Potential für Abschreibungen besteht.


Die Auswirkung auf das Ergebnis pro Aktie muss ich Ihnen nicht erklären.

Betrachten Sie bitte das Beispiel des amerikanischen Unternehmens Lear.

Dieses Unternehmen meldete im Jahre 2005 einen Verlust von rund 20 US$ pro Aktie – bei einem Aktienkurs von aktuell 26 Dollar.

Das Wertpapier des Unternehmens verlor binnen eines Jahres in der Spitze über 70%!

Der überwiegende Großteil dieses Verlustes ist durch Goodwillabschreibungen bedingt.

Der Grund für die Abschreibungen: Die amerikanische Automobilindustrie befindet sich in einer tiefen Krise. Als Automobilzulieferer leidet da Lear selbstverständlich mit.

Nur sind die horrenden Verluste hausgemacht. Ähnlich wie bei TUI wurde vom Vorstand eine Akquisitionspolitik betrieben, die darauf fußte, Unternehmen zu deutlichen Aufschlägen auf das bilanzielle Eigenkapital zu kaufen.


Hätte TUI in diesem Jahr den gleichen Betrag an Goodwillabschreibungen vorgenommen wie im Jahre 2001, so würde das Jahresergebnis gar nur 86 Cent betragen.